Reform?

Sehr geehrte Frau Minister,
sehr geehrte MitarbeiterInnen des Ministeriums! 

Herzlichen Dank für Ihr Schreiben vom 9. Dezember 2016. Derzeit sind meine KollegInnen und ich in großer Sorge. Wir befürchten eine deutliche Verschlechterung der medizinischen Versorgung in unserer Region, da das lokale Krankenhaus zu Gunsten eines Leitkrankenhauses geschlossen werden soll und stattdessen eine Primärversorgungseinheit entstehen soll. 

Ich selbst betreibe eine Landarztpraxis in Ramsau am Dachstein, eine der größten Tourismusgemeinden in der Steiermark. In meinem Sprengel, Schladming – Haus – Ramsau am Dachstein sind vier weitere KollegInnen 365 Tage im Jahr für die Gesundheit unserer Bevölkerung und der Gäste im Einsatz. Ein Teil der Kollegenschaft beschickt auch das lokale Notarztsystem, da es aufgrund verschiedener Strukturreformen nicht ausreichend angestellte Notärzte gibt. Dieser Mangel wird sich leider durch die Ausbildungsreform noch weiter verschlechtern, da es ja längere Zeit keinen Arzt mit jus practicandi gibt. Wir alle sind mit den verschiedenen Fachdisziplinen und mit den Krankenhaus im Styriamed.net vernetzt und können so unseren Patienten einen raschen und optimalen Zugang zu den Fachärzten ermöglichen. Im Sprengel gibt es nicht nur einen diensthabenden Kollegen, sondern jeden Tag auch zwei geöffnete Ordinationen, an den Nachmittagen bzw. Abenden. Natürlich versehen wir alle Wochenenddienste. Wir sind das Paradebeispiel für ein dezentrales Primärversorgungszentrum. 

Teilweise arbeiten in unseren Ordinationen sowohl Krankenschwestern, PhysikotherapeutInnen als auch PsychotherapeutInnen. Wir schätzen jedoch auch sehr, die Möglichkeit der Überweisung von Patienten an die verschiendenen lokalen Gesundheitsdienstleistungsanbietern, wie freiberufliche PhysikotherapeutInnen, PsychotherapeutInnen, LogopädInnen und anderen Menschen, die im Dienste unserer Gesundheit stehen. Zu unserem Krankenhaus haben wir eine gute Beziehung, die Kollegen nehmen auch an unseren regelmäßigen Qualitätszirkeln teil. Zusammen mit einem weiteren Kollegen, habe ich über fünf Jahre in einer Primärversorgungseinheit in Aberdeen, Schottland, als auch in anderen Einheiten in England gearbeitet. Natürlich wurde in diesen 

Einheiten Qualitätsmedizin betrieben, jedoch kommt es keinesfalls zu einer verstärkten Patientenorientierung, da es bei den stattfindenden Patientenkontakten unmöglich ist, eine Bindung zum Patienten aufzubauen, da man ihn wahrscheinlich nie wieder sieht. Sind in einer Einheit mehr als drei ÄrztInnen ist es wohl kaum möglich, dass man sich einen Arzt aussuchen kann - sind mehr als fünf tätig ist es gar nicht mehr möglich. Jeder chronisch kranke Patient, der die Notwendigkeit hat, in eine Spitalsambulanz gehen zu müssen, kennt dieses Phänomen – es ist jedesmal ein Anderer da, der oft gar nicht die Krankengeschichte des Patienten kennt. 

Es ist etwas ganz und gar persönliches zum Arzt seiner Wahl zu gehen und sich mit seinen Problemen vertrauensvoll an ihn zu wenden. Diese besondere Arzt-Patientenbeziehung lässt sich schwer messen, ist aber der Grund, warum man auch von der Heilkunst spricht. Es geht um Vertrauen. Hier sehe ich es als große Chance, den ÄrztInnen die Möglichkeit zu geben, dass sie sich selbst entscheiden, mit wem sie zusammenarbeiten möchten. Das Führen einer Praxis ist ähnlich wie in einer Partnerschaft – nicht jeder passt zu jedem. Nicht die Politik oder Krankenkasse kann entscheiden, wer mit wem zusammen arbeiten soll, sondern nur die Betreibenden selbst. 

Sie schreiben, dass es mehr Möglichkeiten geben soll, ein umfassendes Versorgungsangebot anzubieten. Ich bin Facharzt für Innere Medizin, als Allgemeinmediziner niedergelassen und mir ist es nicht einmal möglich Ultraschalluntersuchungen mit den Kassen abzurechnen – wir brauchen diesen nützlichen technischen Fortschritt. Auch das Bestimmen von Laborparameter ist in einer Landarztpraxis notwendig und sollte nicht weiter reglementiert werden, wie es ja schon passiert. Es ist unsere Aufgabe, die Patienten vor Ort bestmöglich zu behandeln und jene Fälle herauszufinden, die eine weitere stationäre Abklärung brauchen, dafür muss man uns aber auch die notwendigen diagnostischen Möglichkeiten durchführen lassen. Die PHCs entstehen mit massiver Förderung, das zeigen die bestehenden Pilotprojekte und Pläne. Damit werden die bestehenden Probleme am Land nicht gelöst. Vielmehr muss man den jungen Medizinstudenten bereits vermitteln, dass die Allgemeinmedizin die Wiege der Medizin ist. Das sind die Rahmenbedingungen, die die Politik schaffen muss – ich befürchte, dass durch die jetzige 

Diskussion leider wieder Ärzte davon abgehalten werden, den Weg in die Allgemeinmedizin zu gehen.
Es lässt sich wohl nicht leugnen, dass man hier versucht eine Parallelstruktur aufzubauen, anstatt das Bewährte zu verbessern. Nachdem man schließlich in Aberdeen am Wochenende nur mehr die PHCs zur Versorgung hatte, konnten diese die Aufgaben (Telefondienst, Betreuung im PCH und Hausbesuche) nicht mehr bewältigen und man führte ein so genanntes „Walk in Centre“ ein. In diesen arbeitete statt eines Arztes eine besonders ausgebildete Krankenschwester. Unglücklicherweise gab es sehr viele unerkannte ernste Krankheiten, sodaß diese Versorgungsform, die eigentlich für weniger schwere medizinische Fälle gedacht war, wieder verlassen wurde. 

Man erkannte auch, dass die Behandlung in PHCs keine gute Patientenversorgung darstellte und gab die Betreuung von Kranken wieder in die Hände der lokalen Hausärzte, die sich selbst zusammengefunden hatten und schloss das PHC. 

Liebe Frau Minister, geben Sie uns Ärzten die Möglichkeit selbst neue Modelle zu entwickeln und unterstützen Sie uns dabei, den Beruf des selbstständigen, niedergelassenen Arzt für Allgemeinmedizin auch für die nächsten Generationen als erstrebenswert zu finden. 

Gerne würde ich Sie oder einen Ihrer MitarbeiterInnen in unsere Region einladen, damit Sie sich selbst vor Ort ein Bild über unsere Arbeit machen können. 

Mit freundlichen Grüßen 

Dr. Oliver Lammel,
im Namen der Ärzteschaft im Sprengel Schladming, Haus, Ramsau am Dachstein

Primärversorgungszentrum Schladming?


Sehr geehrte Frau Bürgermeister, sehr geehrte Damen und Herren des Gemeinderats!
 
 Verwundert nehmen wir das Vorgehen der Stadtgemeinde Schladming und des Gesundheitsfonds bezüglich der Primärversorgung in Schladming zur Kenntnis und möchten dazu unsere Stellungnahme abgeben.
 
 Wir fünf Kassenhausärzte der Region Schladming, Haus, Ramsau (Dr. Karrer, Dr. Lammel, Dr. Sulzbacher, Dr. Thier und Dr. Zorn) behandeln übers Jahr  etwa 20000 Patienten (Diagnostik, Therapie, Beratung, Medikamente – akute und chronische Fälle) in unseren Ordinationen.
Der niedergelassene allgemeinmedizinische Bereich funktioniert tadelos.
Wir Allgemeinmediziner haben abgestimmte Öffnungszeiten und können auch am Nachmittag eine Anlaufstelle für Erkrankte bieten. In unseren Praxen haben, zusätzlich zur ärztlichen Medizin, auch andere Berufsgruppen einen Platz gefunden (Diätologen, Physiotherapeuten, Heilmasseure, Krankenschwestern, Psychotherapeuten,….).
 
Nun erfahren wir aus den Schladminger Stadtnachrichten, dass die Gemeinde Schladming ein zusätzliches Gesundheitszentrum bauen möchte. Dies soll laut Bürgermeister Krammel zwei Millionen Euro Steuergelder kosten. Über Inhalte kann laut Gemeindeführung keine Auskunft gegeben werden. Bisher ist uns nur bekannt, dass der Geschäftsführer des Erlebnisbades Schladming, Exbürgermeister Winter, die Finanzierung einer notwendigen Dachsanierung mit Hilfe einer Förderung des Gesundheitsfonds für ein nicht ausgereiftes Gesundheitszentrum abwickeln möchte.
 
Wir möchten hiermit darauf hinweisen, dass für eine zusätzliche Gesundheitseinrichtung in Schladming kein Bedarf besteht! Auch die bisher errichteten Gesundheitszentren in Österreich zeigen nach kurzer euphorischer Startphase ein anders Bild: Meinungsverschiedenheiten unter den Ärzten und der Geschäftsführung, unter den Ärzten selbst, Konflikte in den verschiedenen Berufsgruppen - all dies dient sicher nicht dem Wohle des Patienten.
 
Steuergelder in ein Immobilienprojekt zu investieren erscheint uns nicht sehr sinnvoll. Zielführender wäre es bestehende Strukturen zu stärken, beispielsweise durch die Bereitstellung/Förderung einer gemeinsamen Krankenschwester, Diätberaterin, Diabetesschwester, Wundschwester. Außerhalb der Ordinationen erfüllt die Bruderlade die Funktion einer „Gemeindeschwester“ hervorragend. 


Das Interesse junger Kollegen an der Landmedizin ist unter den derzeitigen Bedingungen (Work Life Balance, Arbeitsbelastung) nicht gegeben und wird sich mit der derzeitigen Vorgangsweise nicht verbessern – im Gegenteil. Man darf auf das Projekt Admont verweisen. Hier findet man, trotz ausgezeichneter Infrastruktur, seit vielen Monaten keinen einzigen Bewerber. Somit wird man es dort wohl mit wechselnden Ärzten aus den umliegenden Spitälern versuchen müssen.
 Den Entscheidungsträgern in Graz sei gesagt, dass eine Umstrukturierung des Gesundheitssystems ohne Einbeziehung der niedergelassenen Versorgungsträger nicht funktionieren wird.



Hausarzt im Ennstal

Brücken bauen für die Allgemeinmedizin


Die allgemeinmedizinische Patientenversorgung im oberen Ennstal gilt als Vorzeigemodell.

Nicht nur, daß es 365 Tage im Jahr immer einen Allgemeinmediziner für die Bevölkerung und Gäste, auch außerhalb der regulären Ordinationszeiten gibt, ist zusätzlich an jedem Nachmittag zumindest eine Praxis im Sprengel geöffnet. Ab 1. Jänner 2015 werden Wochentags sogar immer zwei Ordinationen geöffnet sein. Dies soll auch den politschen Entscheidungsträgern und den gesundheitspolitschen Reformern als Zeichen dienen, daß im Rahmen der unzweifelhaft notwendigen Verbesserung der Primärversorgung das Rad nicht unbedingt neu erfunden werden muss. Die traditionelle Allgemeinpraxis, sowie die Landarztpraxis sind kein Auslaufmodell, es Bedarf einer Vielfalt an Versorgungsformen, keine genormte „ Primary Health Care „ die überall gleich auszusehen hat.

Die Erwartungen der Bevölkerung an ein Gesundheitssystem hat viel mit Tradition, Vertrauen und Sicherheit zu tun und sollte keinesfalls durch bürokratische Steuerungs-, Administrations- und Kontrollbestrebungen zerstört werden.

Aufgabe der Politik muss es sein, Voraussetzungen zu schaffen, die es künftig ermöglichen Ärzte zu motivieren aufs Land zu gehen.

Das bedeutet unter anderen die Beibehaltung der Hausapotheken, die Aufrechterhaltung des organisierten Notarztsystems und eine dem Aufwand entsprechende Leistungshonorierung.


Praxisnahe Dialoge mit Fachärzten beim Steirischen Hausärztetag

Kein „Fach“ versorgt so viele Patienten wie die Allgemeinmedizin. Trotzdem weist der Informationsfluss eine starke Ausprägung von oben - den Spezialdisziplinen - nach unten auf. Ganz bewusst legen deshalb die jährlichen Hausärztetage in Wien und in der Steiermark Wert auf den Dialog von Hausärzten mit Fachärzten zu ausgewählten Themen. Diesem Konzept folgend stand der Steirische Hausärztetag 2016 am 23. April in Schladming unter dem Motto „Grenzen erkennen – Brücken bauen!“  

Täglich Entscheidungen treffen

Die Bandbreite der Anforderungen in der Hausarztpraxis weist eine große Spannweite auf. Viele Patientenanliegen können in Eigenregie erledigt werden, in der Zusammenarbeit mit Fachkollegen kommt die Kommunikation, das „Feedback“, allerdings oft zu kurz. „Vor dem Problem, Grenzen zu überwinden oder Brücken zu bauen, steht jeder Hausarzt immer wieder in bestimmten Situationen, z. B. bei der Entscheidung, ob eine Behandlung ambulant oder stationär erfolgen soll“, nennt Dr. Oliver Lammel, Wissenschaftlicher Leiter des Hausärztetages und selbst Landarzt in Ramsau am Dachstein. „Dafür sind gute Kontakte mit Fachkollegen in der Niederlassung und in Spitälern sehr wertvoll.“

Krankheitsprogression wie verhindern?

Diesen wertvollen Austausch bot auch der 4. Steirische Hausärztetag, bei dem Themen und Fragen zu den Möglichkeiten präventiver Maßnahmen im Mittelpunkt standen. Zur „Prophylaxe von rezidivierenden Infekten“ im Kleinkind- und Kindesalter referierte der Kinderarzt Dr. Christian Mossier aus Gröbming. Er stellte klar, dass in dieser Altersgruppe grundsätzlich eine „physiologische Infektanfälligkeit“ bestehe und wies unter anderem insbesondere darauf hin, eine zystische Fibrose auszuschließen. Als Pendant zur pädiatrischen Versorgung hob der Landarzt Dr. Andreas Jöbstl in seinem Vortrag zur Verringerung der Häufigkeit von Infekten bei geriatrischen bzw. chronisch kranken Patienten hausarztspezifische Anforderungen hervor: „problematisch“ seien unter anderem die eingeschränkten diagnostischen Möglichkeiten, vor allem bei Hausbesuchen, „bemerkenswert“ sei hingegen, dass sich die meisten Patienten wieder vollständig erholen. Ein großer Vorteil der Allgemeinmediziner liege dabei in der meist langjährigen Kenntnis von Patientenspezifika.

Als weiteres Beispiel für die unbedingt notwendige Zusammenarbeit von Haus- mit Fachärzten stand das Thema „Chronische Niereninsuffizienz: Progression verhindern“ auf dem Programm. Dazu beleuchteten Dr. Lammel und der Spitalsinternist Prim. Dr. Harald Simader betreuungsspezifische Aspekte in Bezug auf das Früherkennungsprojekt Niere 60/20. Bei den Möglichkeiten der präventiv orientierten Betreuung von Atherosklerosepatienten fokussierte der Internist, Allgemein- und Sportmediziner Dr. Georg Fritsch auf „Sport und Bewegung“, als Fachreferent erläuterte der Spitalsinternist Dr. Hubert Wallner den aktuellen Wissensstand zum Lipidmanagement. Je ein fachärztliches Referat gab es zu den Themen „Progression der COPD verhindern“ (Dr. Susanne Collaud, Lungenfachärztin) und „Wann ist stationäre Psychotherapie sinnvoll?“ (Univ.-Prof. Dr. Marius Nickel aus Bad Aussee). 

Ermutigendes Teilnehmerfeedback

Kongressleiter Dr. Lammel kann ein äußerst positives Resümee ziehen, denn er hat „einige erfreuliche und ermutigende Rückmeldungen von Teilnehmern“ bekommen, wie „dieser Dialog von Haus- mit Fachärzten ist ein wunderbares Format“ oder „gut gewählte Themen, gute Referenten und praxisorientierte sowie praxisrelevante Inhalte“. Somit habe sich dieses besondere, Dialog-orientierte Konzept der Hausärztetage auch dieses Jahr wieder bewährt, freut sich Dr. Lammel: „Eine Gefahr der Subdisziplinen liegt darin, den Patienten nicht in seiner Gesamtheit zu sehen. Das können wir Hausärzte vermitteln.“ Der Steirische Hausärztekongress 2017 wird wieder im April in Schladming stattfinden.